Was trennt eigentlich Stein, Pflanze und Tier? Und was passiert, wenn diese scheinbar festen Grenzen ins Wanken geraten? Mit der Installation „Neochimera“ eröffnet der Medienkünstler Robert Seidel einen faszinierenden Zugang zur Natur – jenseits klassischer Ordnungssysteme und wissenschaftlicher Kategorien. Direkt am Beginn der historischen Sammlung des Fürstlichen Naturalienkabinetts zu Schwarzburg-Rudolstadt entfaltet sich ein Werk, das weniger erklärt als vielmehr erfahrbar macht. Es lädt dazu ein, Natur nicht als starres System zu begreifen, sondern als dynamischen, sich ständig wandelnden Prozess.
Im Zentrum von „Neochimera“ steht ein lebendiger Organismus aus Bildern und Klängen. Pflanzen, Tiere und Mineralien verschmelzen zu hybriden Formen, die so in der realen Welt nicht existieren können. Kristalle wachsen zu pflanzenähnlichen Strukturen, entwickeln tierische Eigenschaften und verändern sich unaufhörlich weiter.
Grundlage dieser visuellen Transformation ist der Einsatz Künstlicher Intelligenz und generativer Algorithmen. Gefüttert mit Präparaten, wissenschaftlichen Illustrationen und historischen Modellen der Sammlung, erschaffen sie neue, spekulative Lebensformen. Das Ergebnis ist ein digitales Naturalienkabinett, das bekannte Kategorien bewusst auflöst und neu zusammensetzt.
Die Bildsprache der Installation bewegt sich dabei in einem spannenden Spannungsfeld: Sie verbindet wissenschaftliche Präzision mit künstlerischer Abstraktion. Inspiration liefern biologische Prinzipien wie Evolution, Vererbung und Wachstum – ebenso wie die fantastischen Mischwesen historischer Wunderkammern und die eigenwillige Logik maschineller Bildgenerierung.
So entsteht eine visuelle Welt, die zugleich vertraut und fremd wirkt. Sie erinnert an natürliche Prozesse und überschreitet sie doch konsequent.
Begleitet wird die visuelle Ebene von einer eindrucksvollen Klanglandschaft des Komponisten Grischa Lichtenberger. Geräusche aus den drei Naturreichen – das Knistern von Kristallen, das Rascheln von Blättern, feine tierische Laute – werden aufgenommen, zerlegt und neu komponiert. Durch Verfahren wie Granularsynthese entstehen dichte, vielschichtige Klangräume. Tiefe Resonanzen und feine mikrotonale Strukturen verbinden sich zu einem akustischen Ökosystem, das die Grenzen zwischen natürlichen und künstlichen Klängen verschwimmen lässt.
Als audiovisuelle Installation bildet „Neochimera“ das Entrée zur über 250 Jahre alten Sammlung. Sie fungiert als eine Art Schwelle – ein Übergang vom Gewohnten ins Offene, vom Klassifizieren zum Staunen. Dabei wirkt das Werk wie ein Sinnesöffner: Es schärft den Blick für die Vielfalt und Komplexität der Natur und bereitet auf ein Museumserlebnis vor, das bewusst unterschiedliche Perspektiven zulässt. Besucherinnen und Besucher werden angeregt, vertraute Ordnungssysteme zu hinterfragen und die historischen Objekte mit neuen Augen zu betrachten.
Der künstlerische Ansatz von Robert Seidel verbindet wissenschaftliches Denken mit ästhetischer Exploration. Seine Arbeiten, die international in Museen und auf Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurden, untersuchen die Wirkung von Bildern, Strukturen und Bewegungen auf unsere Wahrnehmung. Auch „Neochimera“ folgt diesem Prinzip: Es ist kein statisches Kunstwerk, sondern ein sich ständig wandelndes System. Ein Experimentierfeld, in dem Natur, Technologie und Imagination ineinandergreifen.
So wird aus dem Besuch nicht nur eine Reise in die Vergangenheit der Naturgeschichte, sondern auch ein Blick in mögliche Zukünfte – irgendwo zwischen Wissenschaft und Vision.